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Solidarische Landwirtschaft – Solawi

Dies ist ein Gastbeitrag von Nina. Nina ist meine Nachbarin und sie versucht in so vielen Lebensbereichen wie möglich nachhaltig zu leben. Wir tauschen uns oft und gerne über “grünen Lebensstil” aus und daher kam uns die Idee, diese Themen auch hier auf dem Blog zu teilen. Nina ist Mitglied in einer Solidarischen Landwirtschaft, von der sie in diesem Beitrag berichtet.

Seit Anfang 2017 bin ich Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft, kurz: Solawi. In unserem Fall handelt es sich dabei um einen Hof, der annähernde Vollversorgung mit allen Lebensmitteln bietet. Es gibt also Gemüse und Getreide, aber auch tierische Lebensmittel sowie Rind- und Hühnerfleisch. Der Hof ist 40 Kilometer von unserem Wohnort entfernt und liefert einmal wöchentlich an ein Depot in meiner Nähe, wo ich – beziehungsweise im Normalfall mein Partner – dann unsere Lebensmittel abholen. Gerade zu Beginn der Corona-Beschränkungen war das auch ein ziemlich beruhigender Gedanke, zu wissen, dass unsere Lebensmittelversorgung so nah ist und eigentlich keine Lieferkette zusammenbrechen kann!

Was ist Solawi?

Das Prinzip Solidarische Landwirtschaft fußt auf der Idee, dass Bauern/Bäuerinnen und KonsumentInnen gemeinsam die Verantwortung für eine umweltverträgliche, faire Landwirtschaft übernehmen. Von Seiten der Bauern/Bäuerinnen geschieht das dadurch, dass die Bewirtschaftung des Hofes mit den Mitgliedern abgestimmt und die Finanzierung transparent gemacht wird. Die Mitglieder der Solawi wiederum, die “Ernteteilenden”, verpflichten sich für mindestens ein Jahr Mitglied zu bleiben. Sie zahlen an den Hof einen festen Betrag im Voraus und unterstützen die Landwirtschaft durch jeweils zwei halbe Tage Arbeitskraft pro Jahr. Alles, was die Landwirtschaft des Hofes dann erntet, wird wöchentlich unter den Ernteteilenden aufgeteilt – dadurch tragen auch wir das Risiko einer geringeren Ernte mit. Wir Ernteteilenden haben keinen Anspruch auf eine bestimme Menge Gemüse oder bestimmte Gemüsesorten, sondern wir finanzieren die gesamte Landwirtschaft und erhalten die daraus entstehende Ernte. 

Dadurch, dass der Finanzbedarf des Hofes zu Beginn jedes Erntejahres geplant und in einer Vollversammlung aller Ernteteilenden gebilligt wird, kann der Hof nachhaltige Landwirtschaft betreiben, auch wenn die teilweise erstmal mehr kostet. Unser Hof wirtschaftet in einer Kreislaufwirtschaft, in der die Böden durch wechselnde Fruchtfolgen und durch Tierdünger ständig verbessert werden. Es gibt dort große Blühstreifen für Insekten, die natürlich dann wieder für die Bestäubung der Pflanzen nützlich sind. Der Hof pflanzt Bäume im eigenen Waldstück, um die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens zu erhalten. Die Hühner am Hof sind Zweinutzungshühner, die sowohl Eier legen als auch geschlachtet und gegessen werden; die Bruderhähne werden ebenfalls aufgezogen und nicht gleich als Küken getötet. Alle diese und noch viele Maßnahmen mehr entspringen der spürbar überzeugten Haltung der Bäuerin. Man spürt ihre Leidenschaft und Authentizität, wenn man auf dem Hof ist, wo wir Ernteteilende uns mehrmals im Jahr für Ernteeinsätze oder Feste treffen. Die Tierhaltung am Hof begründet die Bäuerin übrigens damit, dass Tiere für eine landwirschaftliche Kreislaufwirtschaft unbedingt nötig sind. Vegetarische und vegane Ernteteilende wissen immerhin, dass die Anzahl von Tieren pro Ackerfläche verschwindend gering ist zum üblichen Durchschnitt in Deutschland.

Wie funktioniert Solawi praktisch für die Ernteteilenden?

40 Kilometer Entfernung von meinem Zuhause zum Hof ist zwar relativ nah für den Erzeugungsort meiner Lebensmittel, aber trotzdem viel zu weit um mein Gemüse bei Bedarf selbst zu ernten. Deswegen liefert unser Hof einmal wöchentlich an ca. 25 Abholstellen, wo eine Gruppe Ernteteilender dann ihren Ernteanteil abholt. Wir sind eine Gruppe von circa 20 Ernteteilenden im Depot. Im Normalfall hat aber jede/r Ernteteilende noch mindestens eine/n Partner*in, Kinder oder andere Mitbewohner*innen, mit denen er/sie sich den Ernteanteil aufteilt – ein Ernteanteil ist in unserem Fall für eine Woche komplette Ernährung von zwei Erwachsenen ausgelegt. In meinem Haushalt reicht das Gemüse damit locker für zwei Vielesser*innen wie meinen Partner und mich. 

So ein Ernteanteil ist schon was ganz anderes als eine Gemüsekiste. Abgesehen davon, dass wir jede Woche überrascht werden, was wir bekommen, sind die einzelnen Anteile auch nicht in Einzelkisten für jede/n verpackt, sondern kommen als Großlieferung für das ganze Depot. Dort teilen wir uns dann das Gemüse auf; dafür gibt es eine Liste zur ungefähren Orientierung, wieviel zu einem Anteil gehört. Anfangs ist es gar nicht so einfach abzuschätzen, wieviel man wohl einpacken kann, wenn da eine ganze Kiste voller Kartoffeln liegt, die für 20 reichen soll… bei Kohlköpfen kann man wenigstens durchzählen!

Herausforderungen in einer Solawi

  • Das Aufteilen. Wenn 20 Personen über mehrere Stunden verteilt eine Menge Gemüse so unter sich aufteilen müssen, dass jede/r gleich viel bekommt, gelingt das nur mit  gegenseitigem Vertrauen, Mitdenken und  Kommunikation untereinander.
  • Die Umstellung im Denken. Es dauerte eine Weile, bis ich den Switch von “Ich zahle Betrag X, und bekomme dafür Y kg Gemüse” zu “Ich helfe mit, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu finanzieren, dessen Ertrag wir untereinander teilen” wirklich internalisiert hatte.
  • Die Kochplanung. Bzw. eben Kochen ohne Planung: Ich weiß immer erst Mittwoch abends, welches Gemüse diese Woche im Ernteanteil ist. Und das muss dann zum Teil schnell verkocht werden, oder es gibt große Mengen vom selben Gemüse auf einmal.

Und die vielen Vorteile einer Solawi!

  • Die Kochplanung! Die fällt nämlich weg. Nach drei Jahreskreisläufen wieß ich in etwa, was am Hof angebaut wird und habe inzwischen einen Grundstamm an Rezepten, die uns mit dem jeweiligen Gemüse schmecken. Ich schaue einfach, was da ist, und mache was leckeres draus. 
  • Nur noch einmal pro Woche abholen ohne Vorplanung. Wir müssen kaum mehr zusätzlich einkaufen, und ich weiß verlässlich, dass alles in meinem Ernteanteil immer bio, regional und saisonal ist.
  • Die Vielfalt des Gemüses (viele alte und oft vergessene Sorten) und wie gut es schmeckt.
  • Der Austausch im Depot mit  Menschen, die meist sehr bewusst essen und leben und sich gegenseitig viel unterstützen.

Mitmachen

Für mich ist eine Mitgliedschaft in einer Solawi immer noch die bestmögliche Art Lebensmittel bio, saisonal und regional zu beziehen. Ein gewisses Maß an Kontaktfreudigkeit braucht man dafür allerdings schon: Damit Solawi funktionieren kann, ist viel Abstimmung, Kommunikation und Austausch nötig. Und auch Bereitschaft für praktische Unterstützung bei Helfereinsätzen oder Standbetreuungen bei Märkten oder Messen. Im Gegenzug ermöglicht das auch den Austausch mit vielen anderen, die sich ebenfalls über ihr Essen und ihre Lebensweise Gedanken machen.

Es gibt inzwischen schon einige Solawis in Deutschland. Jede funktioniert ein wenig anders, auf https://www.solidarische-landwirtschaft.org/startseite/ könnt ihr alle aktiven Solawis finden und euch direkt informieren, wenn euch das Konzept anspricht. Mein Partner und ich sind in der Solawi Dollinger https://solawi-dollinger.de/, die ihre Depots im Großraum Nürnberg hat. In Kürze gibt es in der Region auch noch eine weitere Solawi: https://www.amhof.org/alawi/ 

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